Vogel des Jahres 2016 -  der Stieglitz

 

Bunt und gesellig

 

Der Stieglitz im Porträt

 

Oft hört man ihn eher, als dass man ihn sieht. Der Stieglitz ist in unseren Breiten nicht nur Ganzjahresvogel, sondern auch Ganzjahressänger. Lediglich während der Mauser verstummen die kleinen Finken, ansonsten wird durchgesungen.

 

Stieglitz (Distelfink) - Foto: Frank Derer

 

Stieglitz (Distelfink) - Foto: Frank Derer

 

Stieglitze sind immer in Bewegung und so ist auch ihr Gesang. Das namensgebende „stieglitt“ ertönt als Kontaktruf im Flug ebenso wie zum Start des perlenden Gesangs. Dass man den Stieglitz im Frühjahr und Sommer eher selten sieht, liegt an seinen Nistgewohnheiten. Das weich gepolsterte Nest baut der Stieglitz, genauer: Frau Stieglitz, nämlich gut versteckt in einer möglichst hoch im Baum gelegenen Astgabel. Stieglitze sind Schnellentwickler, schon im ersten Lebensjahr werden sie geschlechtsreif. Sie führen eine monogame Saisonehe, gehen also jedes Jahr neu auf Partnersuche.

 



 

Selbst ist die Frau

 

Die Verpaarung findet meistens schon vor der Ankunft am Brutplatz in den Schwärmen statt. Das Männchen erkundet dann einzelne Brutplätze, die endgültige Wahl trifft aber das Weibchen. Dieses baut das kunstvolle Nest aus Halmen, Stängeln, Blattfasern, Moos und kleinen Wurzeln mit einer Auspolsterung aus Pflanzenwolle, und zwar allein. Das Männchen bleibt dabei seiner Herzensdame singend immer auf den Fersen und hält Wache. Stieglitze haben keine strengen Reviere, weshalb es oft kleine Wohngemeinschaften von mehreren Paaren in einem Baum gibt. Lediglich der unmittelbare Nestbereich wird verteidigt.

 



 

„Schad, daß man sie ißt…“

 

Diese Vögel thun was man sie heißt, nicht allein mit der Stimm, sondern auch mit dem Schnabel und Füssen, welche sie für ihre Händ brauchen. Dann so der auff ein Gefeß gesetzt, daran zwey Eimerlein hangen, welche auf und nieder gehen, da in das eine die Speiß, in das ander der Thranck gethan wird, lernen sie dieselbigen auffziehen, und in den Füßen behalten, biß daß sie darauß getruncken oder gessen haben. Ist derhalben Schad, daß man sie ißt, dieweil sie mehr mit der Stimm dann in der Schüssel den Menschen erfrewen.

 

Conrad Geßner, 1516-1565

 

Das Stieglitz-Weibchen legt in der Regel fünf Eier, dabei ist das Brutgeschäft reine Frauensache. Zwei Wochen lang versorgt das Männchen das Weibchen mit Nahrung, das abgesehen von Gängen zur Toilette das Nest in dieser Zeit nicht verlässt.

Auch nach dem Schlüpfen der Küken geht alles ganz schnell. Bereits nach zwei Wochen verlassen die Jungvögel das Nest, nach einem Monat sind sie komplett selbständig. Die unermüdlichen Eltern beginnen danach sofort mit einer zweiten Brut, so dass ein Stieglitzpaar jedes Jahr zehn Jungvögel aufziehen kann.

 



 

Akrobatische Nahrungssuche

 

Stieglitze sind auch als Distelfinken bekannt. Der lateinische Name Carduelis, den der Vogel als wissenschaftliche Bezeichnung trägt, geht ebenfalls auf das Wort „Carduus“ für Distel zurück. Stieglitze lieben Samen aller Art, es sind mehr als 150 Nahrungspflanzen bekannt. Besonders beliebt sind Kratzdisteln, Karden und andere Korbblütler. Um an die Samen zu gelangen, vollführen die Vögel teils akrobatische Verrenkungen mit beeindruckender Schnabel-Fuß-Koordination. Vor allem im Winterhalbjahr lässt sich das gut beobachten.

 



 

Wie der Stieglitz zu seinen Farben kam

 

Als der liebe Gott alle Tiere und Vögel geschaffen hatte, da malte er sie auch an, den Fuchs rot, den Schimmel weiß, die Hunde braun und weiß und schwarz, das Schaf weiß, und so fort. Aber als er ganz fertig war und sich alles ansah, was er gemalt hatte, da kam noch ein kleiner Vogel, den hatte er vergessen zu malen, weil er nicht zur rechten Zeit gekommen war. Da sagte der liebe Gott: „Warum kommst du so spät? Nun mußt du ganz ohne Farbe bleiben, ich habe keine mehr.“ Aber der kleine Vogel jammerte so, daß er allein keine Farbe haben solle, und sagte: „Da ist doch noch von jeder Farbe ein kleines Bißchen im Topf. Schmier‘ mir von jeder Farbe auch nur ein kleines Kleckschen an!“ Das tat denn der liebe Gott, und so kriegte der Vogel von allen Farben etwas.

Aus Oskar Dähnhardts „Natursagen“ von 1910

 

Stieglitze mögen als Nahrungsbiotop also eher die wilden Ecken, ideal sind offene Brachflächen mit vielen Stauden. Diese „unaufgeräumten“ Stellen werden aber immer weniger. Nicht nur in Gärten, sondern gerade auch draußen in der Landschaft. Stieglitze leben sowohl auf dem Land als auch in Siedlungen, solange es einen geeigneten Brutplatz und genug Nahrung gibt. Diese finden sie an Acker- und Wegrainen, auf Brachen oder in Parks und Gärten.

Noch ist der Stieglitz nicht gefährdet, Schätzungen gehen von 305.000 bis 520.000 Brutpaaren in Deutschland aus. Doch in den letzten 25 Jahren hat sich der Bestand halbiert. Schuld daran ist vor allem der enorme Schwund von landwirtschaftlichen Brachen, die im gleichen Zeitraum auf ein Zehntel geschrumpft sind. Die Wahl zum Vogel des Jahres ist deshalb Mahnung, dem Einhalt zu gebieten.

 



 

Stieglitze im Käfig

 

Bunt und fröhlich singend hat sich der Mensch schon früh mit dem Stieglitz beschäftigt. In der Malerei etwa dürfte abgesehen von der Taube als Symbol des Friedens und des Heiligen Geistes kein anderer Vogel so häufig dargestellt worden sein, von Michelangelo und Leonardo da Vinci bis Hans Holbein. Dabei dient der Stieglitz ebenso als Symbol für die Seele im Gegensatz zum Körper als auch für die Auferstehung und für das Leiden Christi, für welche Zuordnung das wenige Rot an seinem Kopf ausgereicht hat.

Färbung und Stimme des Distelfinks sind auch der Grund, weshalb er in früher einer der beliebtesten Käfigvögel war. Was die Vogelliebhaber besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass sich Stieglitzmännchen im Käfig mit Kanarienvogelweibchen paaren. Dabei wurde dieses Verhalten den Begierden des Weibchens zugeschrieben, so auch von dem französischen Naturforscher Buffon:

 



 

Merk auf wie lockt so lieblich mit, der schöne Distelfink,
Beißt Distel auf und sticht sich nit, sein Witz ist nicht gering,
Gar wohl ist er gezieret, schön gelb und roth bekleidt,
Sein Stimm er nie verlieret, singt fröhlich alle Zeit.

 

Aus „Des Knaben Wunderhorn“, 1806

 

„Hingegen sieht man sehr oft, dass eine von allen Männchen entfernte Kanariense sich mit einem Stieglitzmännchen vermischt. Diese Kanariense fordert das Männchen zuerst zur Liebe auf, und sucht auf alle Art das Feuer, von dem sie entbrannt ist, dem Männchen zu entzünden. Dieses kalte Männchen wird bloß durch die vielen Liebkosungen und Reitzungen fähig, sich mit einer Fremden zu begatten, und diese Art von physischem Ehebruch zu begehen.“ Über das Ergebnis dieser Verbindung lesen wir im 18. Jahrhundert bei dem naturforschenden Pfarrer Zorn: „Dass er mit dem Canarien-Vogel brütet, und die daher kommenden Bastarde angenehm singen, ist bekannt.“

 



 

Illegaler Handel

 

Längst vergangene Zeiten, möchte man meinen. Doch dem Distelfink wird immer noch nachgestellt. In Griechenland etwa werden nach Untersuchungen von BirdLife International die Vögel trotz EU-Verbot weiterhin in großer Zahl für die Käfighaltung gefangen. Auf Malta gibt es hierfür sogar eine offizielle Ausnahmegenehmigung.

Selbst in Deutschland werden Vogelschützer immer noch fündig. So wurden auf Hinweise des Komitees gegen den Vogelmord hin im Landkreis Ludwigsburg im Dezember 22 Stieglitze bei einem Vogelhändler beschlagnahmt. Bei einer weiteren Kontrolle in der brandenburgischen Lausitz stellten Mitarbeiter des Landesumweltamtes 25 unberingte Singvögel, darunter 7 Stieglitze, sowie mehrere Vogelfallen sicher. Bereits im November hatte das Komitee umfangreiches Beweismaterial gegen eine Gruppe von Vogelhändlern aus dem Ruhrgebiet zusammenzutragen, die sich auf Fang und Verkauf wilder Stieglitze spezialisiert hat. In einem Fall erging nun immerhin eine einjährige Gefängnisstrafe auf Bewährung.

Karl Wilhelm Beichert, Helge May

 



 

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Beschlagnahmter Stieglitz - Foto: Komitee gegen den Vogelmord

 

Illegaler Stieglitzfang in Deutschland

 

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Stieglitz (Distelfink) - Foto: Frank Derer

 

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Geselliges Miteinander

 

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Stieglitz (Distelfink) - Foto: NABU/Antje Schultner

 

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